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Tradition ist kein Freifahrtsschein

  • Autorenbild: Sandra Maria Sabitzer
    Sandra Maria Sabitzer
  • 21. Juli
  • 2 Min. Lesezeit

Ein Geschäft in Klagenfurt verkauft seit Jahren ein Schoko-Erdnuss-Konfekt unter dem Namen N*brot. Auf Nachfragen reagiert das Unternehmen mit Sätzen wie "das war schon immer so" und "wir lassen uns den Mund nicht verbieten". Eine Kundin, die freundlich auf den Begriff hingewiesen hat, bekam stattdessen ihre Bestellung storniert.


Wenn ich das lese, kocht es in mir. Besonders aus zwei Gründen:

Der erste Grund ist offensichtlich. Ein Wort, das für Menschen verletzend ist, einfach weiterzuverwenden, weil man es immer schon verwendet hat, ist keine Tradition. Das ist einfach die Weigerung, sich in irgendeiner Art und Weise verändern zu wollen.


Der zweite Grund ist subtiler und  macht mich fast noch wütender. Das Wort Traditionselbst ist mittlerweile für mich ein Alarmsignal. Es wird in den letzten Jahren von rechten Bewegungen so oft als Schutzschild benutzt, dass es seine ursprüngliche Bedeutung verloren hat. Tradition wird angeführt, wenn man Frauenrechte einschränken will. Tradition wird angeführt, wenn man gegen Ehe für alle ist. Jetzt wird die Tradition angeführt, wenn man ein rassistisches Wort auf einer Speisekarte verteidigen will. Immer dieselbe Logik als Vorwand verwendet, um sich nicht verändern zu müssen. 


Was mich aber am meisten beschäftigt: Wenn jemand sagt, man lasse sich den Mund nicht verbieten, frage ich mich jedes Mal: Wer verbietet hier eigentlich wem den Mund?


Niemand verbietet dem Geschäft, Schokolade zu verkaufen. Eine betroffene Person hat höflich gesagt, dass ein Wort sie verletzt (und das müsste meiner Meinung nach nicht mal höflich passieren...) Ist das jetzt ein Verbot? Nein, ist eigentlich nur eine Rückmeldung. Aber anstatt sich das anzuhüren, ist es jetzt ein Angriff auf die eigene Freiheit?


Eigentlich sollte diese Diskussion gar nicht erst geführt werden müssen. Neger ist ein Schimpfwort. Punkt. Es geht hier nicht um eine Geschmacksfrage oder eine Frage der persönlichen Befindlichkeit, sondern schlicht darum, dass es in der heutigen Zeit kein Wort ist, das man verwendet. Schon allein, dass darüber diskutiert werden muss, zeigt, wie groß die Distanz zwischen denen ist, die das Wort nie selbst zu spüren bekommen haben, und denen, die es trifft.


Ich bin weiß. Ich bin in Österreich aufgewachsen, ohne je rassistische Diskriminierung am eigenen Körper erlebt zu haben. Ich habe in dieser Sache keine gelebte Erfahrung. Was ich aber sehr wohl kann, ist zuhören, wenn Menschen, die das Wort tatsächlich trifft, sagen, dass es sie trifft!!!


Da frage ich mich: Was würde es uns kosten, einfach zuzuhören? Was für ein Zacken würde uns aus der Krone fallen, wenn wir ein Wort auf einer Speisekarte ändern, weil es Menschen verletzt? Die Antwort ist: nichts. Es würde uns nichts kosten. Außer der Bequemlichkeit nicht über uns selbst nachdenken zu müssen.


Sandra



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