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Sch* Spiel.

  • Autorenbild: Sandra Maria Sabitzer
    Sandra Maria Sabitzer
  • 16. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Wir spielen trotzdem mit.

Mir wurde lange erzählt, dass ich mich nur genug anstrengen muss, bis ich es auch selbst geglaub

Lasst uns reden
Lasst uns reden

t habe, ich mich optimieren soll, dann werde ich passen, irgendwann.


Ich war nie dick. Mein Körper war eigentlich immer schlank, eher dünn. Trotzdem hat er nie wirklich gepasst. Die Brüste waren zu klein, der Bauch zu groß, irgendetwas war immer zu falsch oder einfach optimierbar. Es gab eine Zeit, in der ich mich vollgestopft und danach wieder übergeben habe, obwohl ich von außen betrachtet überhaupt kein Problem hatte. Aber das war ja nie die eigentliche Frage: egal wie ich aussah, es hat sich eben nie genug angefühlt.


Mir ist wichtig zu sagen, dass es bei sowas nie nur um den Körper selbst geht. Bei mir ging es um Kontrolle, um das Gefühl, nicht gesehen und nicht gehört zu werden, und um dieses ständige Suchen nach mir selbst, das in der Pubertät besonders stark war. Der Körper war nur die Oberfläche, an der sich das alles entladen hat.


Genau das ist die Falle, in die so viele von uns tappen, wo wir aber nicht gewinnen können!  


Die Frauen, die zu den oberen zehn Prozent gehören, also die, deren Körper dem Bild entsprechen, das uns ständig vorgehalten wird, werden auch älter. Auch sie sehen irgendwann nicht mehr so aus wie früher und sie wollen trotzdem noch besser aussehen. Die Frauen im Mittelfeld strecken sich nach oben. Frauen, die aufgrund ihres Körperbaus nie ins Mittelfeld kommen können, egal wie sehr sie sich bemühen, haben das Spiel schon verloren, bevor es überhaupt begonnen hat.


Scheiß Spiel! Wenn du mich fragst!


Trotzdem geben fast alle Geld aus, in der Hoffnung, dass es irgendwann genug ist. Genau davon lebt eine Industrie, die größtenteils von Männern geführt wird, auch wenn sie sich an Frauen richtet.


Ich dachte eigentlich, wir hätten diese Themen in den Neunzigern schon durchgemacht. Magersucht, Bulimie und alles, was dazugehört. Dann kam Body Positivity, und ich war so froh, weil ich dachte, jetzt verändert sich endlich etwas. Wenn man sich aber die aktuellen Zahlen von den Fashion Weeks ansieht, laufen dort wieder fast ausschließlich extrem dünne Frauen über den Laufsteg. Sprachlich hat sich also einiges getan, an der Realität aber kaum etwas.


Was mich dabei am meisten beschäftigt, ist etwas anderes. Wir Frauen werden immer wieder auf unser Äußeres reduziert und  reduzieren uns auch selbst darauf. Das heißt nicht, dass es falsch ist, gerne gut auszusehen oder schöne Kleidung zu tragen. Aber wenn so viel von unserer Energie, unserem Geld und unseren Gedanken darin gebunden ist, jung und schön zu bleiben, bleibt für die wirklich wichtigen Dinge im Leben oft wenig übrig - oder? Für Rebellion und Revolution :)


Das Bild, dem wir entsprechen sollen, verändert sich ja ständig. Einmal ist es der Magerwahn, dann der durchtrainierte Fitnesskörper. Denkst du wirklich noch, das ist Zufall?  Eher nicht, denn ein Ziel, das man tatsächlich erreichen könnte, würde diese Industrie irgendwann arbeitslos machen.


Auch die sogenannte Gesundheitswelle ist oft nur dasselbe Geschäft in neuem Gewand. Shakes, die uns angeblich irgendwohin führen sollen. Nahrungsergänzungsmittel, die wir alle unbedingt brauchen sollen. Wieder Produkte, wieder ein Versprechen, das nie ganz eingelöst wird.


Mich beschäftigt vor allem die Frage, wo eigentlich die echte Gesundheit bleibt. Die körperliche und die psychische. 


"Wo ist die Bewegung, bei der es darum geht, dass sie uns guttut und nicht in erster Linie darum, etwas zu verkaufen?"


Eine persönlich Geschichte: Vor einigen (vielen) Jahren war ich auf einer Reise mit Freundinnen. Wir waren alle ziemlich betrunken und eine meiner engsten Freundinnen sagte zu mir, ich hätte eigentlich einen tollen Körper, aber mein Gesicht sei zum Wegschmeißen. Das hat gesessen und es sitzt bis heute irgendwo in mir. Was mich daran am meisten beschäftigt, ist nicht nur der Satz selbst, sondern was dahinter steckt: Wir Frauen bewerten uns gegenseitig auf eine Art, wie wir es bei Männern nie tun würden. Wir messen einander an Gesicht, Körper, Alter, als wären das die wichtigsten Informationen über einen Menschen. Wir tun das oft genau dann, wenn wir selbst gerade unsicher sind. Wenn wir uns selbst nicht genug sind, betrachten wir auch die anderen durch diese Linse.


Davon profitiert am Ende dieselbe Industrie. Wenn wir uns gegenseitig klein machen, müssen wir gar nicht mehr von außen unter Druck gesetzt werden, wir erledigen das selbst. Frau gegen Frau.


Dieser Druck verschwindet nicht mit dem Alter, er verändert nur seine Form. Gerade jetzt sehe ich bei vielen Frauen Anfang vierzig, dass der alte Magerwahn zurückkommt, in einem Moment, in dem der Körper sich durch Perimenopause und Menopause ohnehin schon verändert, ohne dass wir das groß beeinflussen können. Als wäre es nicht genug, dass der Körper gerade etwas Neues lernt. Als müsste man sich auch dafür noch entschuldigen, indem man verschwindet.

Das kann man natürlich nie isoliert betrachten, denn es passiert in einem Leben, in dem von uns gleichzeitig erwartet wird, Karriere zu machen, Kinder großzuziehen, eine Ehe oder Beziehung am Laufen zu halten und dabei auch noch gut auszusehen. Als wäre das alles getrennt voneinander zu schaffen und als hätten wir für jeden dieser Bereiche eine eigene, unerschöpfliche Reserve an Energie!


Genau deshalb reicht es nicht, sich nur vorzunehmen, andere Frauen und sich selbst anders anzusehen. Das ist wichtig, aber es ist nicht genug, solange der Druck von außen unverändert weiterläuft. Die eigentliche Frage ist, wie lange wir noch mitmachen bei einem System, das uns in jedem Lebensabschnitt ein neues Defizit zeigt, an dem wir arbeiten sollen und das genau dann am lautesten wird, wenn wir gerade beginnen, uns selbst wichtiger zu nehmen. Ich sag ja, Revolution! Rebellion! Nieder mit dem Patriarchat!


Sandra


Falls dich beim Lesen etwas berührt hat, das über das Allgemeine hinausgeht: Die Hotline für Essstörungen (0800 20 11 20, anonym und kostenlos, Mo–Do 12–17 Uhr) ist genau dafür da.



Wenn du jemanden buchen willst, die unbequeme Fragen stellt und die Zahlen nennt, dann meld dich bei mir! Ich spreche zu Ungleichheiten und Gleichberechtigung. 

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