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Was ich dir heute sagen will

  • Autorenbild: Sandra Maria Sabitzer
    Sandra Maria Sabitzer
  • vor 14 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Ein Brief an meine Tochter zum 8. März, dem internationalen Frauentag.

Du bist 2 Jahre alt, und weißt noch nicht, was der 8.März bedeutet.


Du weißt noch nicht, dass es einen Tag im Jahr gibt, an dem alle so tun, als wären Frauen* etwas Besonderes, das gefeiert werden muss.


Aber irgendwann wirst du es verstehen.


Und dann will ich, dass du das hier weißt:

Am 8. März werden sie dir Blumen schenken. Sie werden von starken Frauen reden. Von Vorbildern. Von Empowerment. Sie werden dir sagen, dass du alles schaffen kannst, wenn du nur fest genug daran glaubst.

Das ist gelogen.

Nicht weil du es nicht schaffen kannst. Sondern weil das System darauf ausgelegt ist, dass du scheitern sollst.


Lass mich dir erzählen, in welche Welt du hineinwächst.

In eine Welt, in der Frauen* 11,5% weniger verdienen als Männer. Für die gleiche Arbeit. Das sind 42 Tage im Jahr, die du gratis arbeitest. Während deine männlichen Kollegen vom ersten Tag an bezahlt werden (wir reden von Österreich!)

In eine Welt, in der Frauen* 39,7% weniger Pension bekommen. Das sind über 240.000 Euro weniger in deinem Leben. Weil du Kinder bekommen hast. Weil du Teilzeit gearbeitet hast. Weil du die Care-Arbeit übernommen hast.


In eine Welt, in der jede fünfte Pensionistin armutsgefährdet ist.


In eine Welt, in der von dir erwartet wird, dass du nett bist. Freundlich. Nicht zu laut. Nicht zu fordernd. Nicht zu wütend.


In eine Welt, in der deine Wut unangebracht ist. Deine Erschöpfung Schwäche. Deine Grenzen Egoismus.


Und am 8. März werden sie so tun, als hätten wir das alles überwunden.

Als wären wir gleichberechtigt. Als wäre alles gut. Als müsstest du nur fest genug an dich glauben.


Das ist das Perfide am Frauentag.


Er gibt uns das Gefühl, es sei schon geschafft. Ein Tag Aufmerksamkeit. Ein paar nette Worte. Ein Instagram-Post über starke Frauen. Und dann geht alles weiter wie vorher.


Du wirst zur Schule gehen und lernen, dass Mädchen brav sein sollen. Dass Jungs wild sein dürfen. Dass deine Grenzen verhandelbar sind, ihre aber respektiert werden müssen.


Du wirst zur Arbeit gehen und merken, dass du härter arbeiten musst für weniger Geld. Dass du dich beweisen musst, während Männer einfach da sein dürfen.


Du wirst vielleicht Kinder bekommen und merken, dass Mutterschaft bedeutet: Du trägst viel zu viel. Die Verantwortung. Den Mental Load. Die Sorge. Die Erschöpfung.


Und dann werden sie dir sagen: Du solltest besser auf dich schauen.

Als ob das Problem bei dir liegt.

Als ob du nur besser organisiert sein müsstest. Resilienter. Achtsamer.


Ich will, dass du weißt:

Du bist nicht das Problem. Das System ist das Problem.

Deine Erschöpfung ist berechtigt. Deine Wut ist berechtigt. Deine Forderungen sind berechtigt.

Du schuldest niemandem Freundlichkeit, wenn du ausgebeutet wirst.

Du schuldest niemandem ein Lächeln, wenn du verletzt wirst.

Du schuldest niemandem Verständnis, wenn deine Grenzen überschritten werden.


Und du musst dich nicht klein machen, damit andere sich groß fühlen können.

Ich weiß, dass die Welt, in die du hineinwächst, oft beschissen ist.


Ich weiß, dass sich bis du erwachsen bist wahrscheinlich nicht viel geändert haben wird. Bei diesem Tempo erreichen wir Lohngerechtigkeit 2043, oder noch später, who knows! Pensionsgerechtigkeit 2116 (also deine Urenkelinnen?).


Du wirst dein ganzes Erwerbsleben lang weniger verdienen als deine Brüder. Für die gleiche Arbeit.


Das macht mich so wütend, dass ich manchmal nicht atmen kann.

Aber ich will, dass du auch das weißt:

Du bist nicht allein.

Es gab Frauen* vor dir, die gekämpft haben. Die sich nicht mundtot machen ließen. Die laut waren, unbequem, fordernd.

Und es wird Frauen* neben dir geben. Freundinnen. Kolleginnen. Schwestern. Die das Gleiche durchmachen. Die verstehen. Die mit dir gemeinsam kämpfen.

Frauenfreundschaft ist Widerstand.


Solidarität ist Widerstand.

Deine Wut ist Widerstand.


Also am 8. März, wenn sie dir Blumen schenken und von starken Frauen reden, dann nimm die Blumen. Aber glaub ihnen nicht.

Glaub nicht, dass es schon reicht.

Glaub nicht, dass du nur fest genug an dich glauben musst.

Glaub nicht, dass das Problem bei dir liegt.

Fordere mehr.

Fordere gleiche Bezahlung. Fordere gleiche Care-Verantwortung. Fordere, dass deine Arbeit sichtbar wird. Fordere, dass deine Grenzen respektiert werden.

Sei laut. Sei unbequem. Sei wütend.


Das ist das Einzige, das jemals etwas verändert hat.

Und wenn sie dir sagen, du seist zu viel, zu laut, zu fordernd, dann weißt du: Du bist auf dem richtigen Weg.


Ich kann dir diese Welt nicht ersparen, meine Tochter.

Aber ich kann dir zeigen, wie man sich wehrt.

Alles Liebe zum Frauentag.

Und dann kämpfen wir weiter. Jeden anderen Tag im Jahr auch.


Ich liebe dich,

deine Mama

Kinder am Spielplatz

eine Mama

 
 
 

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